Zum Inhalt springen
SemaTrain Fachinformatiker LF1–LF3 verfügbar

LF1 · Informieren und einordnen

LF1.5 – Eigene Rolle und Entscheidungsspielraum

Technisches Können, betriebliche Zuständigkeit und rechtliche Befugnisse sicher unterscheiden.

Lernfeld 1 · Das Unternehmen und die eigene Rolle im Betrieb beschreiben

Curriculum-Faden

Diese Teilkompetenz bauen Sie hier auf

Handlungsphase: Informieren und einordnen

Den eigenen Handlungs- und Entscheidungsspielraum erkennen und betriebliche Zuständigkeit von rechtsgeschäftlichen Befugnissen unterscheiden.

Baut auf

Aufbauorganisation und Rechtsform aus LF1.4.

Bereitet vor

LF1.6 richtet den Blick auf die Weiterentwicklung der eigenen beruflichen Kompetenz.

Bewusste Abgrenzung dieser Lektion

Keine umfassende handelsrechtliche Ausbildung; Prokura und Handlungsvollmacht nur soweit sie für den eigenen Handlungsspielraum erforderlich sind.

Curriculumquelle: KMK-Rahmenlehrplan Fachinformatiker, Lernfeld 1

Berufliche Ausgangssituation

Ein Kunde der fiktiven Nordstern IT-Service GmbH benötigt kurzfristig zusätzliche Hardware.

Sie können fachlich beurteilen, welche Geräte geeignet wären. Der Kunde fragt Sie deshalb: „Dann bestellen Sie die zehn Geräte bitte direkt für uns.“

Nun entstehen mehrere unterschiedliche Fragen:

  • Können Sie die technische Auswahl treffen?
  • Sind Sie intern für die Bestellung zuständig?
  • Dürfen Sie das Unternehmen gegenüber dem Lieferanten verbindlich vertreten?

Genau um diese Unterschiede geht es in dieser Lektion.

Was verlangt das Lernfeld?

Lernfeld 1 sieht vor, dass Sie Ihren eigenen Entscheidungs- und Handlungsspielraum erkunden. Dazu gehören auch betriebliche Vollmachten.

Kernidee: Zu professionellem Handeln gehört nicht nur zu wissen, was technisch richtig wäre, sondern auch zu wissen, was man selbst entscheiden und verbindlich veranlassen darf.

Drei Ebenen, die Sie unterscheiden sollten

1. Fachliche Kompetenz

Was können Sie aufgrund Ihres Wissens und Ihrer beruflichen Fähigkeiten fachlich beurteilen oder durchführen?

2. Betriebliche Zuständigkeit

Welche Aufgaben wurden Ihnen im Unternehmen übertragen und welche Entscheidungen dürfen Sie nach internen Vorgaben selbst treffen?

3. Rechtsgeschäftliche Befugnis

In welchem Umfang dürfen Sie gegenüber Dritten rechtsgeschäftlich für das Unternehmen handeln?

Merksatz: Technisches Können, interne Zuständigkeit und Vertretungs- beziehungsweise Abschlussbefugnis sind nicht dasselbe.

Ihre Rolle als Auszubildender

Für Auszubildende enthält § 13 BBiG grundlegende Pflichten während der Berufsausbildung.

Dazu gehören unter anderem die sorgfältige Ausführung der im Rahmen der Berufsausbildung übertragenen Aufgaben, das Befolgen der dort genannten Weisungen sowie die Verschwiegenheit über Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse.

§ 13 BBiG – Verhalten während der Berufsausbildung

Wichtig: § 13 BBiG legt nicht fest, bis zu welchem Geldbetrag Sie beispielsweise Hardware bestellen dürfen. Solche konkreten betrieblichen Entscheidungsgrenzen müssen aus den tatsächlich geltenden Zuständigkeiten und Befugnissen im Unternehmen ermittelt werden.

Was ist eine Vollmacht?

Im betrieblichen Alltag können Personen ermächtigt sein, bestimmte rechtsgeschäftliche Handlungen für ein Unternehmen vorzunehmen.

Für Kaufleute unterscheidet das Handelsgesetzbuch insbesondere zwischen der besonders weitreichenden Prokura und der Handlungsvollmacht.

Für Ihre Lernziele ist vor allem wichtig: Der Umfang einer Befugnis darf nicht einfach aus einer Stellenbezeichnung oder aus technischem Können abgeleitet werden.

Prokura

Erteilung

Nach § 48 HGB kann Prokura nur vom Inhaber des Handelsgeschäfts oder seinem gesetzlichen Vertreter und nur durch ausdrückliche Erklärung erteilt werden.

§ 48 HGB – Erteilung der Prokura

Umfang

§ 49 HGB gibt der Prokura einen sehr weiten gesetzlichen Umfang für gerichtliche und außergerichtliche Geschäfte und Rechtshandlungen, die der Betrieb eines Handelsgewerbes mit sich bringt.

Für die Veräußerung oder Belastung von Grundstücken ist eine besondere Befugnis erforderlich.

§ 49 HGB – Umfang der Prokura

Interne Beschränkungen

§ 50 HGB bestimmt grundsätzlich, dass eine Beschränkung des gesetzlichen Umfangs der Prokura Dritten gegenüber unwirksam ist.

Interne Vorgaben können trotzdem für das Verhältnis zwischen Unternehmen und Prokurist bedeutsam sein. Diese interne Ebene darf nicht mit der Außenwirkung verwechselt werden.

§ 50 HGB – Beschränkung des Umfangs der Prokura

Handlungsvollmacht

§ 54 HGB betrifft Personen, denen ohne Erteilung der Prokura Vollmacht für den Betrieb eines Handelsgewerbes, für bestimmte Arten von Geschäften oder für einzelne Geschäfte erteilt ist.

Die Handlungsvollmacht umfasst grundsätzlich die Geschäfte und Rechtshandlungen, die der betreffende Betrieb beziehungsweise die betreffenden Geschäfte gewöhnlich mit sich bringen.

Für bestimmte in § 54 Absatz 2 HGB ausdrücklich genannte Handlungen – darunter die Aufnahme von Darlehen oder die Prozessführung – ist eine besondere Befugnis erforderlich.

§ 54 HGB – Handlungsvollmacht

Prokura und Handlungsvollmacht im Überblick

Prokura

Besonders weitreichende handelsrechtliche Vollmacht. Ihre Erteilung und ihr gesetzlicher Umfang sind insbesondere in §§ 48 und 49 HGB geregelt.

Handlungsvollmacht

Kann sich auf den Betrieb, bestimmte Arten von Geschäften oder einzelne Geschäfte beziehen. Die zentrale Regelung findet sich in § 54 HGB.

Keine Vollmacht ableiten

Eine Stellenbezeichnung wie „Teamleitung“ oder „Systemadministrator“ sagt für sich allein noch nicht zuverlässig, welche konkrete Vollmacht besteht.

Typischer Denkfehler

„Ich bin für das Thema zuständig, also darf ich auch den Vertrag abschließen.“

Das ist nicht automatisch richtig. Eine Person kann fachlich und organisatorisch für eine Aufgabe zuständig sein, ohne die entsprechende rechtsgeschäftliche Befugnis zu besitzen.

Praxisfall: zehn neue Notebooks

Sie haben für einen Kunden zehn geeignete Notebooks ausgewählt. Die Geräte kosten zusammen 12.000 Euro.

Der Kunde möchte sofort bestellen. Sie wissen, dass Sie technische Empfehlungen geben dürfen. Ihnen ist aber nicht bekannt, ob Sie eine Bestellung in dieser Höhe verbindlich für Nordstern auslösen dürfen.

Ihre Aufgabe: Beschreiben Sie in drei Schritten, wie Sie professionell weiter vorgehen.

Professioneller Umgang mit unklarem Entscheidungsspielraum

Wenn Ihre Befugnis nicht eindeutig ist, ist es sinnvoll:

  1. den fachlichen Sachverhalt sauber zu erfassen,
  2. die eigene Zuständigkeit und Befugnis zu prüfen,
  3. bei Bedarf die zuständige beziehungsweise befugte Person einzubeziehen.

Das ist keine Schwäche, sondern Bestandteil professionellen betrieblichen Handelns.

TRANSFER

Transfer

Ein Kunde bittet Sie während eines Supporteinsatzes, eine kostenpflichtige Zusatzleistung „einfach direkt mitzumachen“.

Technisch wäre die Änderung problemlos möglich. Sie kennen jedoch weder den vereinbarten Leistungsumfang noch Ihre Befugnis, zusätzliche Kosten verbindlich zuzusagen.

Welche Informationen müssen Sie klären, bevor aus dem technischen Wunsch eine verbindliche Zusage wird?

Selbsttest

Selbsttest: Eigene Rolle und Entscheidungsspielraum

Prüfen Sie, ob Sie fachliche Zuständigkeit, betriebliche Befugnisse, Handlungsvollmacht und Prokura unterscheiden können.

Alle Fragen und Antwortmöglichkeiten dieses Selbsttests wurden für SemaTrain eigenständig entwickelt.

1 Ein Auszubildender kann technisch beurteilen, welches Notebook für einen Kunden geeignet ist. Welche Aussage ist daraus automatisch ableitbar?

Einfachauswahl – genau eine Antwort ist richtig.

2 Welche Pflichten von Auszubildenden nennt § 13 BBiG ausdrücklich?

Mehrfachauswahl – eine oder mehrere Antworten können richtig sein.

3 Wie kann Prokura nach § 48 HGB erteilt werden?

Einfachauswahl – genau eine Antwort ist richtig.

4 Welche Aussagen zum Umfang der Prokura entsprechen § 49 HGB?

Mehrfachauswahl – eine oder mehrere Antworten können richtig sein.

5 Ein Prokurist soll intern nur Verträge bis 20.000 Euro abschließen. Welche Aussage beschreibt § 50 HGB am besten?

Einfachauswahl – genau eine Antwort ist richtig.

6 Welche Aussagen zur Handlungsvollmacht ergeben sich aus § 54 HGB?

Mehrfachauswahl – eine oder mehrere Antworten können richtig sein.

7 Die Teamleitung erlaubt einer Mitarbeiterin, regelmäßig übliche Ersatzhardware innerhalb ihres Aufgabenbereichs zu bestellen. Welche Frage sollte zur rechtlichen Einordnung zusätzlich geklärt werden?

Einfachauswahl – genau eine Antwort ist richtig.

8 Ein Kunde bittet einen Auszubildenden spontan um eine kostenpflichtige Erweiterung eines laufenden Auftrags. Was ist die professionellste Reaktion, wenn der eigene Entscheidungsspielraum unklar ist?

Einfachauswahl – genau eine Antwort ist richtig.

PRAXISAUFGABE

Praktische Lernaufgabe

Selbsttraining – keine Abgabe erforderlich.
Bearbeiten Sie diese Aufgabe für Ihre eigene Lernkontrolle. Ihre offene Lösung wird von SemaTrain derzeit weder hochgeladen noch an einen Trainer übermittelt.

Erstellen Sie für Ihren eigenen oder einen fiktiven Ausbildungsbetrieb eine Tabelle mit fünf typischen Tätigkeiten, zum Beispiel:

  • Software installieren,
  • Hardware auswählen,
  • Hardware bestellen,
  • einem Kunden Mehrkosten zusagen,
  • einen Vertrag unterschreiben.

Ordnen Sie für jede Tätigkeit ein:

  • Welche fachliche Kompetenz wird benötigt?
  • Wer ist organisatorisch zuständig?
  • Welche Entscheidung dürfen Sie selbst treffen?
  • Wann ist Rücksprache erforderlich?
  • Ist eine besondere Vollmacht relevant?

REFLEXION

Reflexion

Können Sie jetzt erklären:

  • warum technisches Können nicht automatisch Entscheidungsbefugnis bedeutet,
  • warum interne Zuständigkeit und rechtsgeschäftliche Vertretungsmacht getrennt betrachtet werden müssen,
  • wodurch sich Prokura und Handlungsvollmacht grundsätzlich unterscheiden,
  • wie Sie handeln sollten, wenn Ihr eigener Entscheidungsspielraum unklar ist?

Quellen & Einordnung

Curriculum-Grundlage:
KMK-Rahmenlehrplan für Fachinformatikerinnen und Fachinformatiker, Lernfeld 1.

Der Rahmenlehrplan ordnet den eigenen Entscheidungs- und Handlungsspielraum einschließlich Vollmachten Lernfeld 1 zu.

KMK-Rahmenlehrplan öffnen

Rechtsgrundlagen

Einordnung:
Die Rechtsnormen belegen ausschließlich die jeweils genannten Rechtsaussagen. Das Fallunternehmen, sämtliche Beispiele, Erläuterungen, Situationen, Praxisaufgaben, MC-Fragen, Antwortmöglichkeiten und Lösungen wurden eigenständig für SemaTrain entwickelt.

Die Darstellung dient der beruflichen Bildung und ersetzt keine Rechtsberatung für konkrete Einzelfälle.

Quellen- und Methodikprinzip von SemaTrain ansehen

Nächster Lernschritt

Im nächsten Modul geht es um die eigene berufliche Entwicklung: Fortbildung, Weiterbildung und die Frage, wie Fachinformatiker ihre Kompetenzen langfristig weiterentwickeln können.

LF1.6 – Fort- und Weiterbildung öffnen