Anlass
Warum entsteht diese Aufgabe?
HF3 · Kapitel 3
Gute Ausbildung verbindet Lernen mit realer Arbeit. Ausbilder übersetzen Ausbildungsplan und berufstypische Arbeits- und Geschäftsprozesse in Aufgaben, an denen Auszubildende berufliche Handlungsfähigkeit entwickeln können.
Prüfungswissen
§ 3 Abs. 3 Nr. 3 AEVO verlangt, aus dem betrieblichen Ausbildungsplan und den berufstypischen Arbeits- und Geschäftsprozessen betriebliche Lern- und Arbeitsaufgaben zu entwickeln und zu gestalten.
Der aktuelle BIBB-Rahmenplan konkretisiert diese Kompetenz insbesondere durch:
Ziel
Nach § 1 Abs. 3 BBiG soll Berufsausbildung die beruflichen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln, die für eine qualifizierte berufliche Tätigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt notwendig sind.
Das Gesetz bezeichnet dies als berufliche Handlungsfähigkeit.
Planungskette
Ausbildungsordnung
§ 5 Abs. 1 BBiG verlangt, dass die Ausbildungsordnung unter anderem das Ausbildungsberufsbild und eine Anleitung zur sachlichen und zeitlichen Gliederung der Vermittlung enthält.
Diese Anleitung ist der Ausbildungsrahmenplan.
Das BIBB erläutert, dass der Ausbildungsrahmenplan vorgibt, welche Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten in welchem zeitlichen Rahmen vermittelt werden sollen.
Betrieblicher Ausbildungsplan
Der betriebliche Ausbildungsplan ordnet die Vorgaben der Ausbildungsordnung den konkreten Möglichkeiten, Abteilungen, Arbeitsprozessen und Zeiträumen des Ausbildungsbetriebs zu.
HF3.3 setzt damit unmittelbar auf HF2.1 auf: Der Plan allein bildet noch keine Lernsituation. Jetzt müssen daraus passende Lern- und Arbeitsaufgaben entstehen.
Ein Eintrag wie „Kundenaufträge bearbeiten“ beschreibt einen Ausbildungsinhalt.
Eine Lern- und Arbeitsaufgabe muss daraus eine konkrete Handlungssituation machen, in der ein überprüfbarer Kompetenzzuwachs möglich ist.
Ausbildungspflicht
§ 14 Abs. 1 Nr. 1 BBiG verpflichtet Ausbildende, die notwendige berufliche Handlungsfähigkeit zu vermitteln und die Berufsausbildung so planmäßig, zeitlich und sachlich gegliedert durchzuführen, dass das Ausbildungsziel in der vorgesehenen Zeit erreicht werden kann.
Arbeitsaufgaben
Reale betriebliche Arbeit und Lernen schließen einander nicht aus.
§ 14 Abs. 3 BBiG zieht jedoch eine klare Grenze: Auszubildenden dürfen nur Aufgaben übertragen werden, die dem Ausbildungszweck dienen und ihren körperlichen Kräften angemessen sind.
Eine Aufgabe wird nicht dadurch zur guten Ausbildungsaufgabe, dass sie für den Betrieb wirtschaftlich nützlich ist.
Sie muss zugleich einen nachvollziehbaren Beitrag zum Ausbildungsziel leisten.
Arbeits- und Geschäftsprozesse
Der aktuelle AEVO-Rahmenplan betont das Lernen in berufstypischen Aufträgen und Geschäftsprozessen.
Das bedeutet: Die Aufgabe sollte den Zusammenhang zwischen einzelnen Arbeitsschritten und dem betrieblichen Gesamtprozess sichtbar machen.
Warum entsteht diese Aufgabe?
Welche Arbeitsschritte gehören zusammen?
Welches überprüfbare Resultat wird benötigt?
Wer arbeitet mit dem Ergebnis weiter?
Lernziel
Ein Lernziel beschreibt nicht lediglich, womit sich der Auszubildende beschäftigt, sondern welchen Kompetenzzuwachs die Aufgabe ermöglichen soll.
„Der Auszubildende beschäftigt sich mit Reklamationen.“
„Der Auszubildende kann eine einfache Kundenreklamation anhand der betrieblichen Vorgaben prüfen, einen sachgerechten Lösungsvorschlag entwickeln und sein Vorgehen begründen.“
Lernzielsystematik
In der Ausbildungspraxis wird häufig zwischen unterschiedlich konkreten Lernzielebenen unterschieden.
Beschreibt einen größeren Kompetenz- oder Tätigkeitsbereich.
Konkretisiert einen Ausschnitt dieses Bereichs weiter.
Beschreibt möglichst konkret, welches beobachtbare oder überprüfbare Ergebnis erreicht werden soll.
Die Begriffe Richt-, Grob- und Feinlernziel können bei der Unterrichts- und Ausbildungsplanung helfen.
Sie sind aber nicht als eigenständige gesetzliche Pflicht in § 3 AEVO oder § 14 BBiG formuliert.
Vollständige Handlung
Das BIBB beschreibt das Modell der vollständigen Handlung als sechsstufigen Prozess.
1
Aufgabe verstehen, Anforderungen klären und notwendige Informationen beschaffen.
2
Arbeitsschritte, Ressourcen, Reihenfolge und Vorgehen entwickeln.
3
Einen geeigneten Lösungsweg auswählen und gegebenenfalls mit dem Ausbilder abstimmen.
4
Die geplanten Arbeitsschritte selbstständig oder im Team umsetzen.
5
Ergebnis anhand der Anforderungen prüfen und einen Soll-Ist-Vergleich durchführen.
6
Ergebnis und Vorgehensweise reflektieren und Verbesserungsmöglichkeiten ableiten.
Prüfungswissen
Informieren → Planen → Entscheiden → Ausführen → Kontrollieren → Bewerten
Didaktische Einordnung
Das Modell der vollständigen Handlung unterstützt handlungsorientierte Ausbildungsplanung.
Daraus folgt jedoch nicht, dass jede kleinste Einzelhandlung zwingend als formalisierter Sechs-Schritt-Prozess dokumentiert werden muss.
Entscheidend ist, dass Lern- und Arbeitsaufgaben zunehmend vollständiges und selbstständiges berufliches Handeln ermöglichen.
Lernaufgabe gestalten
Ausgangssituation:
Welcher reale betriebliche Anlass liegt vor?
Lernziel:
Welche Kompetenz soll entwickelt werden?
Arbeitsergebnis:
Welches konkrete Ergebnis soll entstehen?
Qualitätskriterien:
Woran erkennt der Auszubildende,
ob das Ergebnis fachgerecht ist?
Rahmenbedingungen:
Welche Zeit,
Arbeitsmittel,
Regeln und Ressourcen gelten?
Handlungsspielraum:
Welche Entscheidungen darf der Auszubildende selbst treffen?
Unterstützung:
Wann und wie kann Hilfe eingeholt werden?
Reflexion:
Wie werden Ergebnis und Vorgehensweise ausgewertet?
Individualisierung
Der aktuelle AEVO-Rahmenplan fordert, individuelle Lernbedarfe und Voraussetzungen bei der Einbindung in Arbeitsaufgaben zu berücksichtigen.
Klare Teilziele, vorbereitete Informationsquellen und engere Rückmeldeschleifen.
Mehr Planungsfreiheit, eigene Informationsbeschaffung und größere Entscheidungsspielräume.
Komplexere Zusammenhänge, alternative Lösungswege, Verantwortung und stärkere Reflexion.
Lernförderliche Individualisierung kann bedeuten, unterschiedliche Hilfen oder Zwischenschritte anzubieten, ohne das Ausbildungsziel beliebig zu verändern.
Nachhaltigkeit
Der aktuelle AEVO-Rahmenplan nennt für HF3.3 ausdrücklich, Auszubildende zum nachhaltigen Handeln im Lern- und Arbeitsprozess anzuleiten.
Außerdem sollen branchen- und betriebsspezifische Aspekte der Nachhaltigkeit berücksichtigt werden.
Material-, Energie- oder Zeitverbrauch bei der Planung berücksichtigen.
Fehlervermeidung, Haltbarkeit und sinnvolle Wiederverwendung mitdenken.
Betriebliche Kosten und effiziente Prozessgestaltung berücksichtigen.
Auswirkungen auf Kunden, Beschäftigte und andere Beteiligte in Entscheidungen einbeziehen.
Transformation
HF3.3 nennt ausdrücklich Gestaltungsmöglichkeiten in Transformationsprozessen und Arbeitsaufträge zu Veränderungen in der Arbeitswelt.
Beispiele des aktuellen Rahmenplans sind:
Digitale Arbeitswelt
§ 5 BBiG verlangt bei der Festlegung der beruflichen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten ausdrücklich, die technologische und digitale Entwicklung zu beachten.
Eine moderne Lernaufgabe kann deshalb beispielsweise fragen:
Welche Arbeitsschritte verändert ein neues digitales System?
Welche Informationen werden benötigt?
Welche Risiken entstehen?
Welche Qualitätskontrollen bleiben erforderlich?
Welche Entscheidungen können automatisiert und welche müssen fachlich geprüft werden?
Praxisfall
Vollständig fiktiver SemaTrain-Praxisfall
Ein interner Fachbereich benötigt für ein neues Team einen gemeinsamen Dateiablagebereich mit abgestuften Zugriffsrechten.
Der Auszubildende kennt die Grundlagen des verwendeten Systems, hat einen solchen Auftrag aber noch nicht vollständig selbstständig bearbeitet.
Anforderungen, Benutzergruppen, Sicherheitsvorgaben und bestehende Standards erfassen.
Berechtigungsstruktur, Vorgehen, Testfälle und Rückfallmöglichkeit planen.
Lösungsweg begründen und mit dem Ausbilder abstimmen.
Konfiguration entsprechend der freigegebenen Planung umsetzen.
Mit Testkonten prüfen, ob nur vorgesehene Zugriffe möglich sind.
Ergebnis, Dokumentation und gewählten Lösungsweg reflektieren.
Transfer
Kundenanfrage prüfen, Angebot vorbereiten, Konditionen begründen, Ergebnis kontrollieren und Auftrag nachbereiten.
Wareneingang planen, Lieferung prüfen, Abweichungen bearbeiten und Prozess dokumentieren.
Wartungsauftrag analysieren, Arbeit vorbereiten, durchführen, prüfen und dokumentieren.
Anforderung analysieren, Lösung planen, umsetzen, testen und fachlich reflektieren.
Arbeitsauftrag
„Klicken Sie auf Menü A, anschließend B, tragen Sie X ein und bestätigen Sie mit OK.“
Das kann bei einer erstmaligen technischen Einführung sinnvoll sein, bietet aber wenig Raum für selbstständige Planung.
„Richten Sie für das neue Projektteam einen Dateiablagebereich entsprechend der betrieblichen Sicherheitsvorgaben ein. Planen Sie die Berechtigungen, stimmen Sie den Lösungsweg ab, testen Sie ihn und dokumentieren Sie das Ergebnis.“
Die Aufgabe eröffnet Informations-, Planungs-, Entscheidungs- und Kontrollmöglichkeiten.
Der notwendige Handlungsspielraum muss zum Ausbildungsstand, zum Risiko der Aufgabe und zu den individuellen Voraussetzungen passen.
Sicherheit
Selbstständigkeit darf nicht dadurch erzeugt werden, dass sicherheitsrelevante Vorgaben, notwendige Freigaben oder fachliche Grenzen weggelassen werden.
Eine Lernaufgabe kann Entscheidungsspielräume enthalten, während kritische Schritte weiterhin der vorherigen Abstimmung oder Freigabe bedürfen.
Lernerfolg
Wenn am Ende niemand sagen kann, woran eine fachgerechte Lösung erkennbar ist, kann auch der Lernerfolg nur schwer nachvollziehbar beurteilt werden.
Dokumentation
Reale Lern- und Arbeitsaufgaben können eine gute Grundlage für den Ausbildungsnachweis bilden.
Der Ausbildungsnachweis sollte jedoch nicht bloß als formale Liste von Anwesenheitszeiten verstanden werden, sondern den tatsächlichen Verlauf der vermittelten Ausbildung nachvollziehbar machen.
Vertiefung
Das BIBB stellt für zahlreiche neue und modernisierte Ausbildungsberufe die Reihe Ausbildung gestalten bereit.
Sie enthält unter anderem Erläuterungen zum Ausbildungsrahmenplan, Praxisbeispiele, Arbeits- und Prüfungsaufgaben sowie Hinweise zu Ausbildungsmethoden.
Eigene Fachvertiefung
Der Fachbeitrag vertieft die Gestaltung aktiver Lernprozesse, Motivation und didaktische Planung.
Er ergänzt die hier behandelte handlungsorientierte Ausbildungsplanung, ersetzt aber nicht die rechtlichen Grundlagen und den offiziellen AEVO-Rahmenplan.
Planungsmodell
1. Ausbildungsplan analysieren
Welche Kompetenz soll jetzt vermittelt werden?
2. realen Prozess identifizieren
Wo tritt diese Kompetenz im Betrieb tatsächlich auf?
3. Lernvoraussetzungen prüfen
Was kann der Auszubildende bereits?
4. Lernziel formulieren
Was soll nach der Aufgabe selbstständig möglich sein?
5. Arbeitsergebnis definieren
Welches konkrete Ergebnis soll entstehen?
6. Handlungsspielraum festlegen
Was darf selbst geplant und entschieden werden?
7. Grenzen und Ressourcen klären
Sicherheit,
Zeit,
Material,
Informationen und Freigaben?
8. Kontrolle ermöglichen
Welche Qualitätskriterien dienen dem Soll-Ist-Vergleich?
9. Reflexion einplanen
Was wurde gelernt und was wird beim nächsten Auftrag verbessert?
Prüfungsfallen
Falsch. Die Aufgabe muss zum Ausbildungszweck und zur angestrebten Kompetenzentwicklung passen.
Falsch. Produktive Aufgaben können Ausbildungsaufgaben sein, wenn sie dem Ausbildungszweck dienen und die gesetzlichen Anforderungen erfüllen.
Falsch. Der Ausbildungsrahmenplan gehört zur Ausbildungsordnung; der betriebliche Ausbildungsplan überträgt die Vorgaben auf den konkreten Betrieb.
Falsch. Die BIBB-Systematik lautet: Informieren, Planen, Entscheiden, Ausführen, Kontrollieren, Bewerten.
Falsch. Handlungsspielraum muss zum Lernstand, zur Aufgabe und zum Risiko passen.
Falsch. Der aktuelle BIBB-Rahmenplan nennt nachhaltiges Handeln ausdrücklich.
Zu pauschal. § 5 BBiG berücksichtigt technologische und digitale Entwicklung, und der aktuelle AEVO-Rahmenplan verlangt die Auseinandersetzung mit Transformationsprozessen.
Falsch. Handlungsorientierung schließt Lernbegleitung, fachliche Abstimmung, notwendige Freigaben und Schutzmaßnahmen nicht aus.
Selbsttest
Kostenloser Kapitelcheck mit vollständig eigenständig entwickelten Fragen.
Primär- und Fachquellen
Lern- und Arbeitsaufgaben aus Ausbildungsplan und berufstypischen Prozessen entwickeln.
Berufliche Handlungsfähigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt.
Ausbildungsberufsbild, Ausbildungsrahmenplan und technologische Entwicklung.
Planmäßige Ausbildung und zulässige Ausbildungsaufgaben.
Aktuelle Konkretisierung einschließlich Nachhaltigkeit und Transformationsprozessen.
Informieren, Planen, Entscheiden, Ausführen, Kontrollieren und Bewerten.
Einordnung und Funktion innerhalb der Ausbildungsordnung.
Modernisierte Standardberufsbildpositionen und nachhaltiges berufliches Handeln.
Berufsspezifische Erläuterungen und Praxisbeispiele.
Mathias Ellmann: Effektives Lehren und Lernen in der Informatik, Wirtschaftsinformatik und verwandten Fachgebieten.