Lernziel
Soll ein Ablauf eingeübt, ein Problem gelöst, Wissen erschlossen oder eine soziale Situation trainiert werden?
HF3 · Kapitel 4
Es gibt keine Ausbildungsmethode, die für jede Person, jedes Lernziel und jede betriebliche Situation gleichermaßen geeignet ist. Professionelles Ausbilden bedeutet deshalb, eine Methode begründet auszuwählen, passend umzusetzen und anschließend ihre Wirksamkeit zu bewerten.
Prüfungswissen
§ 3 Abs. 3 Nr. 4 AEVO verlangt, Ausbildungsmethoden und -medien zielgruppengerecht auszuwählen und situationsspezifisch einzusetzen.
Der aktuelle BIBB-Rahmenplan konkretisiert HF3.4. Ausbilderinnen und Ausbilder sollen insbesondere:
Grundprinzip
Eine Methode ist kein Selbstzweck. Ausgangspunkt ist die Frage, welche Kompetenz entwickelt werden soll.
Auswahlkriterien
Der aktuelle BIBB-Rahmenplan nennt ausdrücklich mehrere Auswahlkriterien.
Soll ein Ablauf eingeübt, ein Problem gelöst, Wissen erschlossen oder eine soziale Situation trainiert werden?
Welches Vorwissen, welche Erfahrungen und welchen Unterstützungsbedarf bringen die Auszubildenden mit?
Handelt es sich um eine erste Einführung oder kann bereits weitgehend selbstständig gearbeitet werden?
Welche Zeit, Räume, Arbeitsmittel, Sicherheitsanforderungen und betrieblichen Ressourcen bestehen?
Wie viel Struktur, Eigenverantwortung und Komplexität ist aktuell angemessen?
Welche Kommunikations- und Kooperationsbedingungen sind für die Lerngruppe relevant?
Findet die Ausbildung am Arbeitsplatz, in einer Lernwerkstatt, mobil, virtuell oder hybrid statt?
Welche Sozialform ermöglicht unter den gegebenen Bedingungen tatsächlich aktive Beteiligung?
Lernaktivität
Das BIBB hebt aktive, situationsbezogene Ausbildungsmethoden hervor.
Ziel ist nicht bloße Eins-zu-eins-Reproduktion von Wissen, sondern zunehmend selbstständiges Erfassen, Bearbeiten, Kontrollieren und Reflektieren beruflicher Aufgaben.
Vier-Stufen-Methode
Die Vier-Stufen-Methode ist eine klassische Ausbildungsmethode für Tätigkeiten, deren fachgerechter Ablauf demonstriert und anschließend eingeübt werden kann.
1
Lernziel erläutern, Vorwissen aktivieren, Arbeitsplatz und Material vorbereiten.
2
Tätigkeit fachgerecht demonstrieren und wesentliche Schritte begründen.
3
Der Auszubildende führt die Tätigkeit aus und erläutert sein Vorgehen.
4
Tätigkeit wiederholen, Sicherheit entwickeln und Rückmeldung erhalten.
Eignung
Die Vier-Stufen-Methode ist nicht deshalb „die beste AEVO-Methode“, weil sie traditionell häufig verwendet wird.
Entscheidend bleibt ihre Passung zum konkreten Lernziel.
Lehrgespräch
Im Lehrgespräch entwickelt der Ausbilder einen Inhalt gemeinsam mit dem Auszubildenden über gezielte Fragen und Antworten.
Geeignet ist diese Methode beispielsweise, wenn bereits Vorwissen vorhanden ist und Zusammenhänge gemeinsam erschlossen werden sollen.
Verständnis kann unmittelbar geprüft, Vorwissen aktiviert und Fehlvorstellungen können sichtbar gemacht werden.
Wird nur auf eine vom Ausbilder gewünschte Antwort hingefragt, kann ein scheinbarer Dialog entstehen, obwohl die Lernenden kaum selbst denken.
Lernauftrag
Beim Lernauftrag erhält der Auszubildende eine klar beschriebene Aufgabe, die zunehmend selbstständig bearbeitet wird.
Wichtig sind:
Leittextmethode
Die Leittextmethode unterstützt selbstständiges Lernen durch vorbereitete Leitfragen, Informationsmaterial, Arbeitsaufträge und Kontrollmöglichkeiten.
Sie eignet sich besonders, wenn Auszubildende bereits genügend Grundlagen besitzen, aber für einen komplexeren Auftrag noch Orientierung benötigen.
Wenn jede Entscheidung bereits vorgegeben wird, bleibt wenig Raum für selbstständige Informationsbeschaffung, Planung und Begründung.
Projektmethode
Ein Ausbildungsprojekt verbindet mehrere Kompetenzen in einer zusammenhängenden, möglichst realitätsnahen Aufgabenstellung.
Simulation
Simulationen können eingesetzt werden, wenn reale Situationen nur schwer, selten, teuer oder risikobehaftet geübt werden können.
Rollenspiel
Beim Rollenspiel übernehmen Beteiligte unterschiedliche Rollen und bearbeiten eine soziale oder kommunikative Situation.
Der Lernerfolg entsteht jedoch nicht allein durch das Spielen. Eine anschließende Reflexion ist wesentlich:
Gruppenarbeit
Einzelarbeit, Partnerarbeit und Gruppenarbeit beschreiben zunächst, in welcher sozialen Konstellation gelernt wird.
Eine konkrete Methode kann mit unterschiedlichen Sozialformen kombiniert werden.
Entscheidend bleibt, welchen Auftrag die Gruppe erhält, wie Verantwortung verteilt wird und wie Ergebnisse gesichert werden.
Gruppengröße
Der aktuelle Rahmenplan verlangt ausdrücklich, Größe und Zusammensetzung einer Lerngruppe anforderungsgerecht festzulegen.
Gut geeignet, wenn individuelle Bearbeitung, Übung oder Leistungsstand sichtbar werden soll.
Geeignet für Austausch, gegenseitige Erklärung, Review oder gemeinsames Problemlösen.
Geeignet für arbeitsteilige Aufgaben, Projekte, Diskussionen und soziale Kompetenzentwicklung.
Methodenmix
Eine reale Ausbildungssequenz muss nicht vollständig aus nur einer Methode bestehen.
Kurzes Lehrgespräch zur Aktivierung des Vorwissens → Demonstration eines kritischen Arbeitsschritts → selbstständiger Lernauftrag → Partner-Review → gemeinsames Feedbackgespräch.
Ausbildungsmedien
Ausbildungsmedien können unterschiedliche Funktionen erfüllen.
Fachtext, Handbuch, Anleitung, Wiki oder Dokumentation.
Skizze, Diagramm, Modell, Video oder Bildschirmdemonstration.
Arbeitsblatt, Testsystem, Übungsumgebung, Simulator oder Lernmodul.
Whiteboard, Kollaborationsplattform, Gruppenraum oder gemeinsames Dokument.
Quiz, automatisierter Test, Kommentar, Review oder digitales Beurteilungsinstrument.
Lernportfolio, Ausbildungsnachweis, Projektdokumentation oder Lernplattform.
Medienauswahl
Ein digitales Medium ist nicht automatisch besser als Papier, reale Demonstration, Modell oder persönliches Gespräch.
Sinnvolle Auswahlfragen sind:
Digitale Medien
Das BIBB nennt bei digitalen Medien unter anderem Flexibilität, Interaktivität, Visualisierung, Individualisierung und Kooperation als mögliche Vorteile.
Videokonferenz, Lernplattform, Whiteboard oder Quizsystem sind zunächst Werkzeuge beziehungsweise Medien.
Erst die didaktische Gestaltung bestimmt, was Auszubildende damit tun und welche Kompetenz entwickelt wird.
Virtuelle Lernumgebung
Virtuelles Ausbilden darf nicht darauf reduziert werden, Unterlagen online abzulegen.
Lernziele, Aufgaben, Kommunikation, Erreichbarkeit, Feedback, Zusammenarbeit und Erfolgskontrolle müssen auch auf Distanz organisiert werden.
Digitales mobiles Ausbilden
§ 28 Abs. 2 BBiG erlaubt digitales mobiles Ausbilden in angemessenem Umfang auch ohne gleichzeitige Anwesenheit von Ausbilder und Auszubildendem am selben Ort.
Voraussetzungen sind insbesondere:
Als Qualitätsmerkmale nennt das Gesetz insbesondere:
Ausbildungsmittel
§ 14 Abs. 1 Nr. 3 BBiG verpflichtet Ausbildende, die für die Berufsausbildung und Prüfungen erforderlichen Ausbildungsmittel kostenlos zur Verfügung zu stellen.
Das Gesetz nennt insbesondere Werkzeuge, Werkstoffe und Fachliteratur.
Zusätzlich erforderliche Hard- und Software für digitales mobiles Ausbilden nach § 28 Abs. 2 BBiG ist ebenfalls kostenlos bereitzustellen.
Hybrid
In einer hybriden Lernsituation nehmen Personen an unterschiedlichen Orten am selben Lernprozess teil.
Damit keine Gruppe lediglich passive Zuschauerrolle erhält, sollten insbesondere geklärt werden:
KI und digitale Werkzeuge
Digitale Assistenzsysteme können beispielsweise bei Recherche, Strukturierung, Simulation, Formulierung oder Feedback unterstützen.
Für die Ausbildung bleibt aber entscheidend, dass der Auszubildende relevante fachliche Entscheidungen nachvollziehen, Ergebnisse prüfen und sein Vorgehen begründen kann.
Wenn ein Werkzeug das fertige Ergebnis liefert, muss die Ausbildung trotzdem klären, ob der Auszubildende die zugrunde liegende berufliche Handlung tatsächlich versteht und beurteilen kann.
Lernpräferenzen
Bei der Medien- und Methodenauswahl können unterschiedliche Zugänge sinnvoll sein: erklären, visualisieren, diskutieren, beobachten, ausprobieren, dokumentieren und reflektieren.
Daraus sollte jedoch nicht abgeleitet werden, jede Person dauerhaft einem einzigen unveränderlichen „Lerntyp“ zuzuordnen.
Praxisfall
Vollständig fiktiver SemaTrain-Praxisfall
Eine Auszubildende im ersten Ausbildungsjahr soll erstmals lernen, an einem Prüfgerät einen klar festgelegten Funktionscheck fachgerecht durchzuführen.
Der Ablauf enthält eine sicherheitsrelevante Reihenfolge.
Eine demonstrierende Methode mit Vormachen, Erklären, Nachmachen und anschließendem Üben kann für die Erstvermittlung gut passen.
Sobald der Ablauf sicher beherrscht wird, können offenere Lernaufträge folgen, beispielsweise Fehlerbilder analysieren und Prüfstrategien selbst planen.
Zweiter Praxisfall
Vollständig fiktiver SemaTrain-Praxisfall
Zwei fortgeschrittene Auszubildende sollen für einen internen Kunden eine kleine Anwendung planen, Anforderungen abstimmen, eine Lösung umsetzen, testen und präsentieren.
Eine kleinschrittige Vier-Stufen-Unterweisung für den gesamten Auftrag wäre hier kaum geeignet, weil gerade Planung, Entscheidung, Zusammenarbeit und Problemlösung entwickelt werden sollen.
Ein projektorientierter Lernauftrag mit klaren Qualitäts- und Freigabepunkten passt besser.
Methodenentscheidung
1. Was ist das Lernziel?
Wissen,
Fertigkeit,
Problemlösung,
Kommunikation
oder vollständiges berufliches Handeln?
2. Was können die Auszubildenden bereits?
Vorwissen,
Erfahrung
und Selbstständigkeitsgrad?
3. Wie komplex und riskant ist die Aufgabe?
Wie viel Freiheit kann sicher übertragen werden?
4. Welche Sozialform passt?
Einzel-,
Partner-
oder Gruppenarbeit?
5. Welche Medien unterstützen die Methode?
Nur so viel Technik wie didaktisch erforderlich.
6. Wie wird der Lernerfolg überprüft?
Arbeitsergebnis,
Beobachtung,
Erklärung,
Test,
Präsentation
oder Reflexion?
Eigene Fachvertiefung
Mathias Ellmann: Effektives Lehren und Lernen in der Informatik, Wirtschaftsinformatik und verwandten Fachgebieten.
Vertiefung zu Aktivierung, Lernprozessgestaltung, Motivation und Evaluation.
Mathias Ellmann: Fernlehren und Fernlernen von Objektorientierter Programmierung.
Der Open-Access-Beitrag beschreibt praktische Erfahrungen mit virtuellen Lernumgebungen, Online-Coding, Debugging, Gruppenräumen und digitalem Feedback.
Prüfungsfallen
Falsch. Die Methodenauswahl richtet sich nach Lernziel, Lernvoraussetzungen, Ausbildungsstand und Situation.
Falsch. Ein Medium ist dann sinnvoll, wenn es Lernziel und Methode unterstützt.
Zu pauschal. Gruppenarbeit beschreibt zunächst eine Sozialform; entscheidend sind Lernauftrag und methodische Gestaltung.
Falsch. Lernprozessbegleitung bleibt erforderlich und wird im aktuellen Rahmenplan ausdrücklich betont.
Falsch. Ein Video ist zunächst ein Medium. Entscheidend ist, wie es in einen Lernprozess eingebettet wird.
Falsch. § 28 Abs. 2 BBiG verlangt unter anderem Eignung, gleichwertige Vermittlungsqualität, Erreichbarkeit, Lernprozessbegleitung und Lernfortschrittskontrolle.
Falsch. Unterstützung, Feedback, fachliche Freigaben und Schutzmaßnahmen bleiben möglich beziehungsweise können erforderlich sein.
Zu pauschal. Entscheidend sind konkrete Lernvoraussetzungen, Aufgabe, Lernziel und Lernfortschritt.
Selbsttest
Kostenloser Kapitelcheck mit vollständig eigenständig entwickelten Fragen.
Primär- und Fachquellen
Methoden und Medien zielgruppengerecht auswählen und situationsspezifisch einsetzen.
Methodenwahl, Lernprozessbegleitung, Lerngruppen, Medien, digitale, virtuelle und hybride Lernumgebungen.
Handlungsorientierung, Methodenauswahl, Lernprozessbegleitung und digitale Medien.
Voraussetzungen und Qualitätsanforderungen.
Kostenlose Bereitstellung erforderlicher Ausbildungsmittel sowie zusätzlicher Hard- und Software.
Mathias Ellmann: Effektives Lehren und Lernen.
Mathias Ellmann: Fernlehren und Fernlernen von Objektorientierter Programmierung.